Ich trinke die Reste vom Merzling und meine Gedanken fangen an zu kreisen.
Da ist einmal der Typ, mit dem alles anfing. Bei dem ich dachte, wenn ichs ihm dann so richtig zeige, hart bin, mir nichts anmerken lasse, fröhlich in die Welt hineinschreibe, dann ja dann wird er merken, wie toll ich bin. Auf Knien wird er angekrochen kommen und mich wegen meiner Stärke bewundern. Inzwischen gemerkt, dass das nicht funktioniert.
Gesagt bekommen, dass Überzeugung von Männern anders geht, nämlich mehr auf die anschmachtende Art. Also nicht: Du willst mich nicht?! Dann will ich dich schon gar nicht und find dich eh scheiße du Arschkrampe!! Sondern mehr so: Schatzileinchen, ja da bin ich dann aber ganz traurig *tränewegwisch*.
Wenn ichs mir recht überlege kann man ersteres nur aus Rache machen. Jedenfalls nicht mit der Absicht, Geschehenes rückgängig zu machen. Sollte man ja eh nicht. Hat schon alles seinen Grund. Ich mein, hätte das geklappt, wär ich viel zu weit weg von meinem Bergen gewesen, würde ständig vorm Rechner hocken, mich in der Schickeria und/oder Pornobranche rumtreiben. Hätte nicht geklappt.
Mich befriedigen Fleecepullover und fette klobige Wanderschuhe und nicht Blüschen und Highheels. Könnte ich eh nicht mit laufen. Abgehakt. Also fast. Das Leben geht weiter. Aber wenn man immer der Gewinner war, ist es umso schwerer zu verlieren. Es geht also nicht mal mehr darum, dass ich ihn gern gehabt hätte, sondern mehr um Macht. Ich hatte nicht die Macht, ihn zu verzaubern. Und das kotzt mich an. Ich will diese Macht, ich will gewinnen, wenn ich schon kämpfe.
Wo werde ich in einem Jahr sein?
Vielleicht in Russland? Oder Afrika?
Der Verehrte sagt, er findet es gut, dass wir beide so unterschiedliche Interessen haben und dass jeder noch so sein eigenes Ding macht. Klingt für mich nach Distanzhalten.
Finde ich ja grundsätzlich auch gut und lebe ich auch so, aber hören will ich was anderes. Vielleicht ist aber genau diese gefühlte Distanz das, was mich hält.
Ich muss immer wieder kämpfen bzw. mich anstrengen. Ich hab mal gelesen, dass nur Personen, in deren Nähe man sich zusammenreißen muss, einen weiterbringen. Also so rein charakterlich/menschlich. Denkt mal drüber nach! Männer, die mich bedingungslos anschmachten, sind langweilig.
Auch gut – also die Distanz – , weil ichs als Freibrief verstehe, meine Pläne zu verwirklichen. Ob Afrika oder sonstwo – er würde es wahrscheinlich mit einem Lächeln quittieren und mich auch mal besuchen, wenns dort schöne Vögel gibt.
Ich hab gelesen, dass Menschen, die sich für Vögel interessieren, von Menschen enttäuscht sind. Kann ich verstehen. Vögel sind immer so schön weit weg. Nie sieht man den Dreck, die Milben, die Scheiße. Man sieht nur das Schöne – wie sie elegant am Himmel segeln, man hört die Gesänge… Bei Menschen dagegen wird man ja oft schon im ersten Augenblick auf die unangenehmen Seiten gestoßen. Oder sie tun wochenlang schön und plötzlich wird das Gesicht zur Fratze.
Manchmal wär ich gern ein Vogel. Einmal das Fliegen – das muss toll sein. Naja, wenn ichs mir überlege ist das auch schon das Einzige. Denn leider haben Vögel unzählige Feinde. Da habens wir doch gut erwischt, niemand bedroht uns wirklich. Nur wir selbst uns gegenseitig. Scheiß Egos. Oder zu wenig Ego. Soll sich doch jeder nur um sich selbst kümmern. Wieso meint denn jeder, sich überall einmischen zu müssen?! Nee, das trifft auch nur für die omnipotent motivierten Einmischungen zu. Wenn ich woanders hingehe, will ich ja auch mitmischen. Aber niemanden umbringen.
In einem Jahr will ich jedenfalls nicht mehr hier wohnen. Auch wenn es Vorteile hat, wenn es im Sommer nicht so heiß wird und im Winter die Temperatur trotz -10° draußen nicht unter 14° absinkt.
Und ich will einen Spanisch-Kurs gemacht haben. Ich will wieder mehr Zeitung lesen. Mehr Weine probiert haben. Den Milan besucht haben. Mich endlich entschieden haben, ob ich den Mac kaufe. Mehr Sport gemacht haben. Zufrieden mit der Frisur sein. Den Pferdekram verkauft haben. Ein paar Vögel am Gesang erkennen. Mit ein paar lang nicht gesehenen alten Bekannten Kaffe/Bier/Wein getrunken haben. Lässigere Artikel geschrieben haben. Ein wenig mehr Durchblick haben in allem.
So liebe Leser, nun ist erstmal Schluss, wir treffen uns nächstes Jahr wieder hier und ich geh jetzt wandern. ;o) Guten Rutsch!




