Thema der 1. Internationalen Agrarministerkonferenz im Rahmen der Grünen Woche in Berlin war “Globaler Wettbewerb um landwirtschaftliche Rohstoffe”.
Prof. Dr. Harald v. Witzke von der Humboldt-Uni Berlin moderierte die Runde der Minister. Er nannte einige Zahlen und Fakten zur aktuellen Lage: der Weizenpreis (Weizen ist eins der Hauptnahrungsmittel) steige langsam aber stetig, das Angebot sei aufgrund begrenzter Fläche kaum steigerbar, also müsse die Produktion intensiviert werden, was wiederum zu höheren Preisen führen werde. Rohstoffe zur Bioenergieproduktion (z.B. Weizen, Mais, Holz) sollten zunehmend erzeugt werden, gleichzeitig hungerten jedoch 850 Mio Menschen weltweit. Natürlich sei auch ein Aufhalten des Klimawandels Thema für nachhaltiges Wirtschaften. 20% des Klimawandels würden durch Brandrodungen zur Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzfläche verursacht.
Angesichts dieser Lage fragte Herr Witzke:
Wie kann man die Ernährung der Welt nachhaltig sichern und gleichzeitig die Bioenergieproduktion steigern?
Alexej Gordejew (Agrarminister, Russland)
Er sagte, es gäbe zwei Möglichkeiten, diese Ziele zu erreichen: Höhere Produktion, besonders auch in den Entwicklungsländern und Managementmaßnahmen.
Er kritisierte, dass Werbung v.a. für Genussmittel statt für Lebensmittel gemacht werde. Durch diese falsche Werbung würden sich die Menschen ungesund ernähren. Dies führe dann zu Krankheiten, die das Gesundheitssystem finanziell belasteten. Er sagte, dass Gesundheit zu 90% von der Ernährung abhänge. Statt also immer mehr ins Gesundheitssystem, müssten Regierungen eher in die Qualität der Nahrungsmittel investieren und auch gegen die falsche Werbung etwas unternehmen.
Jean-Marie Aurand (Agrarstaatssekretär, Frankreich)
Es gäbe in Zukunft zwei Herausforderungen: die Nahrungsmittel- und die Energieproduktion. Beim jetzigen Wachstum der Bevölkerung würden 2050 9 Mrd Menschen auf der Erde leben. Um diese zu ernähren, sei eine Verdoppelung der jetzigen Produktion nötig.
Zudem würden sich die Ernährungsgewohnheiten ändern: In den Entwicklungsländern würde zunehmend Fleisch verzehrt werden. Um jedoch 1 kcal Fleisch zu erzeugen, brauche man 4-7 kcal Getreide.
Öl werde immer teurer und die fossilen Reserven neigten sich dem Ende zu. Biokraftstoffe und erneuerbare Energien, die einen geringen Treibhauseffekt verursachten, seien hier die Lösung.
Um die alles zu bewältigen, müsse besser und mehr produziert werden. Laut FAO existierten noch Bodenreserven, die genutzt werden müssten. Die Agrarpolitk solle weltweit vernetzt werden. Insbesondere in der Forschung müsse man zusammenarbeiten: Wie kann die Produktivität gesteigert werden? Welche Biokraftstoffe zweiter und dritter Generation sind möglicherweise noch nutzbar z.B. Meeresalgen? Wie gelangt man zu Pflanzen, die effektiver Nährstoffe und Wasser ausnutzen? Bei allem müsse man auch den Klimawandel beachten und Brandrodungen verhindern.
Mehdi Eker (Agrarminister, Türkei)
Am wichtigsten sei es weitsichtig zu handeln, also die nächsten 10 – 15 Jahre zu betrachten.
Neben der Unterernährung sei auch die Überernährung ein Problem: 1,5 Mrd Menschen hätten zuviel zu essen. Energieträger für die Bioenergieproduktion wie Getreide, Ölsaaten und Zuckerrohr seien gleichzeitig Nahrungsmittel. Diese Konkurrenz sei v.a. ein Problem für die Schwellen- und Entwicklungsländer (SEL). Die Entwicklung hin zu mehr Produktion sei auch eine Gefahr für die SEL, da es dort Werte gäbe, die nicht nur finanzieller Natur seien (Anm. d. Red.: vermutlich meinte er hier Regenwälder usw.). Dort müssten die Industrienationen Verantwortung zeigen.
Der Klimawandel sei auf dem Balkan, in der Türkei und Mittelmeerregion schon deutlich spürbar: weniger Niederschläge, erhöhte Temperaturen. Um dem zu begegnen, müsse man Wasserressourcen effektiv einsetzen. Dazu gäbe es bereits beispielhafte Projekte in Anatolien, die mit Berieselung (Anm. d. Red.: statt mit Beregnung, bei der Wasser durch die Luft geschleudert wird und was so zu großen Verdunstungsverlusten führt) arbeiteten. Dort müssten auch trockenheitsresistente Fruchtarten angebaut werden.
Er kritisierte, dass die Ernährung mit Fast Food zunehme, was zu Krankheiten führe und in anderen Regionen Hunger verursache.
Jurij Melnyk (Agrarminister, Ukraine)
In der Ukraine sei noch viel Potential ungenutzt. Grund dafür sei, dass es erst seit sieben Jahren eine Organisation der Bodenverteilung gäbe. Inzwischen seien 24 Mio Hektar in Privatbesitz. Vor allem fehle es aber an innovativer und moderner Technik. Es sei niemand da, der diese Technik finanzieren könne.
Große Hoffnungen setze er auf den WTO-Beitritt. Er hoffe gerechtere Verteilung der Subventionen und es sei blanker Hohn, wie diese momentan verteilt seien. Damit könne dann auch die Ukraine ihren Beitrag zur Welternährung leisten.
Mariann Fischer-Boel (EU-Agrarkommissarin, Dänemark)
Die Stilllegung von Flächen, ursprünglich zu Verhinderung von Überproduktion sei auch für 2008 ausgesetzt (Anm. d. Red.: 2007 erstmalig ausgesetzt). Dadurch könnten 10 – 12 Mio Tonnen mehr Getreide produziert werden.
Sie stellte die Frage, warum überhaupt der Preis für Getreide 2007 so gestiegen sei. Oft werde die Bioenergie als Sündenbock hingestellt, was falsch sei. Ursache sei zum einen der gestiegene Fleischverbrauch der SEL und damit der Bedarf nach mehr Futtergetreide, zum anderen das schlechte Wetter besonders in den USA, Kanada, Australien und der Schwarzmeerregion.
Biodiesel und Bioethanol leisteten einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen. Daher müsse dringend in die Entwicklung neuer Biotechnologien investiert werden.
Einen verstärkten Einsatz von GVO (genetisch veränderte Organismen) werde es geben – ob man wolle oder nicht (Anm. d. Red.: spontaner Beifall aus dem Publikum).
Wie überall gäbe es Verlierer und Gewinner der Intensivierung/Produktionssteigerung: Gewinner seien die Produzenten in den SEL, Verlierer die Verbraucher in den städtischen Gebieten der SEL.
Publikum
Aus dem Publikum kamen dann noch Fragen nach den Einsatz von GVO und der Reaktion der Politik auf die Sorgen der Bevölkerung diesbezüglich. Inbesondere steht die Firma Mon.santo in der Kritik, die Saatgut patentieren lässt und momentan auch versucht, sich natürlich vorhandene Schweinegene patentieren zu lassen, wobei Mon.santo selbst nie züchterisch in diesem Bereich tätig war.
Der deutsche Agrarminister Horst Seehofer sagte dazu, dass man niemals aus wirtschaftlichen Zwängen auf GVO setzen dürfe (Anm. d. Red.: spontaner Beifall aus dem Publikum). Abhängigkeiten von Großkonzernen müssten vermeiden werden. Nur die Frage nach der Verantwortbarkeit dürfe bei dieser Frage eine Rolle spielen.
Frau Fischer-Boel anwortete, dass im Moment ja nur der Anbau von GVO-Mais in Deutschland zugelassen sei. In Europa sei nur die Einfuhr genehmigter GVO möglich. Dies sei in anderen Ländern viel einfacher. Als Folge müsse man mit weiter steigenden Preisen rechnen, da für GVO-produzierende Länder, die nach Europa exportieren wollen, die Kosten für die Trennung hoch seien.
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