Vorsichtig fahren wir mit zwei Hundertschaften Richtung Feind.
Schon an der Pforte muss unsere Tarnung ihre erste Prüfung bestehen. Unser Kapitän bezirzt mit seiner männlichen Kompanie die weiblichen Wachen und lenkt sie vom Einschleichen meiner weiblichen Kompanie ab. Die erste Hürde ist genommen.
Wir betreten die gegnerische Arena. Unbeschwert scheint der Feind zu feiern. Oder sollten die vielen grell blinkenden Lichter uns nur blenden und die hämmernden Klänge unsere Ohren abstumpfen? Unbeirrt kämpfen wir uns durch die Massen. Immer wieder scheinbar zufällig geraten wir in ein Knäuel des Feindes. Doch wir lassen uns weder einschüchtern noch zurückdrängen. Mit unserer ausgetüftelten Verteil-und-vereinzel-Strategie schlüpfen wir durch jede Lücke.
Wir steuern auf das Hauptgebäude – das Gehirn, die Schaltzentrale – der feindlichen Bande zu. Und wieder wollen uns die Wächter keinen Zutritt gewähren. Mit einem geschickten Ablenkungsmanöver und einem gefälschten Siegel können wir sie jedoch überlisten. Unsere inzwischen 3 Kompanien sind im Herzen des Widersachers angelangt. Innen empfängt uns gleich der nächste Versuch, Eindringlinge abzuwehren: Der niedrige Sauerstoffgehalt ist lebensgefährlich, die Luft ist zudem fast nicht atembar aufgrund diverser Vernebelungszusätze und der unerträglichen Temperatur. Nun zahlt sich das harte Training in unserer Feinderäucherkammer aus: es ist zwar schwer, aber wir halten durch. Fast. Nur unser kleiner Italiener hält die Qualen nicht mehr aus und verschwindet.
Und hier im Allerheiligsten zahlt sich nun auch unser 40-Mann-im-6-Mann-Fahrstuhl-Training aus. Der Feind kann sich noch so sehr an uns drücken und pressen – wir sind resistent. Auch das ohrenbetäubende Getöse kann uns nun kaum noch an der Ausführung unserer Aktionen hindern. Wir haben ja schließlich unsere Zeichensprache eingeübt. Wir erheben die Faust senkrecht Richtung Mund – und schon trinken wir alle gleichzeitig unseren goldenen Zaubertrank. Und ein kurzes Nicken reicht, um allen zu verdeutlichen, dass sie zum Krustenhuhn greifen sollen, um die Hände für den kommenden Kampf zu fetten.
Um uns herum herrscht inzwischen infernalisches Gebrüll. Wurde der kleine Italiener gefasst und hat gestanden, dass wir hier sind? Überall werden Rufe laut: Wenn nicht jetzt – wann dann? Wenn nicht hier – wo dann? Wir versuchen uns anzupassen, schreien mit, schunkeln und wackeln, gucken aufgeregt in die Menge. Wir steigen auf die Tische. Am Nachbartisch hängt sich ein junger Kämpfer an den Dachbalken, um besser Ausschau halten zu können. Noch haben sie uns nicht entdeckt. Wir trampeln auf den Tischen, schreien und springen um unsere Tarnung. Die Feinde am Nachbartisch sehen zu uns herüber. Ein zweiter hängt sich an den Dachbalken.
Die ersten getarnten Waffen werden bereit gemacht, indem die Männer Gläser gegen die Wand schlagen. Mit spitzen Glasgriffen zetern, brüllen und trampeln sie auf den Bänken, inzwischen unterstützt von ihren Weibern und Kindern. Da stürzt einer der Männern zu Boden und schlitzt sich mit seiner eigenen Waffe den Arm auf. Blut spritzt, die Weiber und Kinder schreien – aber diesmal ist es kein angriffslustiges Brüllen. Die Kampfesgenossen eilen dem Verwundeten zu Hilfe, doch das Blut spritzt weiter. Wir indes haben unsere Aufgabe erfüllt: der Feind ist dabei, sich selbst zu zerstören. Unauffällig verschwinden wir ins Getümmel und nach draußen.
PS: Reportage vom Besuch des Frühlingsfestes auf dem Cannstadter Cannstatter Wasen



